Frauen in der EE-Branche – ein Fortschritt für die Gleichstellung?

Erneuerbare bringen die Wirtschaft zum Tanzen – Auch die Geschlechterverhältnisse?

Die Erneuerbare-Energien Branche will die Revolution. Seit 1998 mischt sie die Energiewirtschaft auf. Zentrale Strukturen sollen durch Anlagen vor Ort ersetzt, Sonne und Wind statt Kohle und Atom ausgebaut werden. Mit Erfolg: Über 30 Prozent der Stromerzeugung in Deutschland ist im Jahr 2017 grün und sauber. Die grüne Stromerzeugung ist auch demokratisch: 40 Prozent des Eigentums an der installierten Leistung besitzen Privatpersonen, 40 Prozent Landwirte und nur 6,5 Prozent die vier großen Energiekonzerne.

Nach diesen Erfolgen stellt sich nun die Frage: Beschreitet die Branche auch gesellschaftlich neue Wege? Eine Revolution möchte Verhältnisse zum Tanzen bringen und altbackene Strukturen hinter sich lassen. Wenig strukturiert den Arbeitsmarkt aber mehr und ungerechter als die Geschlechterteilung.

Frauen in der Wirtschaft: Immer noch zweite Klasse

Denn dass die deutsche Wirtschaft wenig geschlechtergerecht ist, ist bekannt: Frauen arbeiten in schlechter bezahlten Branchen mit wenigen Aufstiegsmöglichkeiten, haben Ausfallzeiten durch Sorgearbeit und sind in Macht- und Entscheidungspositionen stark unterrepräsentiert. Sie verdienen 21 Prozent weniger als Männer. Und obwohl sie mehr als die Hälfte der AbiturientInnen und 50 Prozent der HochschulabsolventInnen stellen, sind nur 6,5 Prozent der Vorstände in Deutschland mit einer Frau besetzt. Nur fünf von 160 Aufsichtsratsvorsitzenden sind weiblich. Ein erschreckend geringer Anteil.

Neue Branche: Mehr Gerechtigkeit?

Die Politik beschwört seit Jahren in Sonntagsreden die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und das Potential, dass mehr Frauen auch die Wirtschaftsleistung steigern. Wo, wenn nicht in einer neuen Branche könnte man das endlich umsetzen?

Stellen wir die EE-Branche auf den Prüfstand: Eine 2015 erschienene Studie[1] spricht von einem Anteil von 27 Prozent an weiblichen Beschäftigten. Immerhin ein Fortschritt gegenüber den 20 Prozent in der Branche Energie, Wasser und Bergbau. Es zeigt sich, dass Frauen eher ein technisches Studienfach wählen, wenn es mit Nachhaltigkeit oder Umwelt verknüpft ist. Indirekt fördern die Erneuerbaren die Beschäftigung von Frauen also. Insgesamt bleibt der Anteil von Studentinnen in Maschinenbau und Elektrotechnik mit 11 Prozent jedoch gering.

Die Studie besagt außerdem, dass „die Häufigkeiten der beschäftigten Frauen in den unterschiedenen Tätigkeitsfeldern […] den bekannten geringen und unterdurchschnittlichen Anteilen von Frauen“ entsprechen. So sind sie in den Bereichen Forschung/Entwicklung und Produktion weniger vertreten, im Bereich Verwaltung hingegen durchschnittlich bis überdurchschnittlich.

Enttäuschendes Ergebnis: Erneuerbare schlechter als Konventionelle

Noch enttäuschender sieht es bei den Führungspositionen (Vorstand, Geschäftsführung, Aufsichtsrat, Prokura) aus. Bei Unternehmen der Energiewirtschaft liegt die Quote bei 10,1 Prozent. In der Branche der erneuerbaren Energien beträgt der Anteil der weiblichen Führungskräfte sogar nur 8,3 Prozent. Dies zeigt die Studie „Frauen in der Energiewirtschaft[2]“ von PricewaterhouseCoopers aus dem Jahr 2014. Eine junge Frau, die ich interviewt habe, fasst es zusammen: „Ich habe nicht unbedingt die Erfahrung gemacht, dass Frauen in der Erneuerbaren-Branche besser aufgestellt sind.“

Was sagen die Jungen?

Ich habe mich bei einigen jungen Ingenieurinnen umgehört: Besonders bei klassisch energiewirtschaftlichen Veranstaltungen mit technischen Themen dominiert weiterhin der alte, weiße Mann. „Da fällt auch bei jeder Veranstaltung ein sexistischer Witz“, so eine der Frauen. Sowohl bei den ReferentInnen und den Fragen aus dem Publikum sind Frauen Mangelware und „mansplaining[3]“ an der Tagesordnung.

Anders, und da sind sich alle einig, sieht es bei breiter gefächerten Erneuerbare-Energien-Podien aus, dort seien Frauen häufig bis zu einem Drittel vertreten. Die Gesprächskultur hänge dann stark von der jeweiligen Veranstaltung ab. Das Fazit bleibt jedoch wie jeher: der Männeranteil ist auf jeden Fall immer höher. Oder wie es Claudia Kemfert, die bekannte Energieökonomin, formulierte: „Männer, Männer, eine Kollegin und ich.“

„Zuallererst versuche ich Frauen nicht zu diskriminieren. Wenn das alle täten, hätten wir kein Problem.“ Claudia Kemfert

Diese Unterrepräsentation ließe sich leicht ändern, Vorschläge haben die Frauen auch parat: Veranstalter könnten darauf achten, dass eine Mindestzahl von RednerInnen Frauen ist. Überraschend ist, dass auch häufig Frauen gefunden werden, wenn man nur einmal nach ihnen sucht und über das übliche „Old-Boys-Network“ hinausdenkt. Auch bei Anmeldungen könnte darauf hingewiesen werden, dass Unternehmen nicht nur Männer, sondern eben auch Frauen schicken sollen.

Gehälter offenlegen?

Veranstaltungen sind jedoch auch nur Ausdruck der Strukturen in Unternehmen und Verbänden. Hier lässt sich ein besonders hohes Potential an Verbesserungen feststellen. Während die von mir befragten Frauen positiv auf flache Hierarchien und eine offene Unternehmenskultur verweisen, sehen sie dennoch Nachholbedarf. Gerade beim Thema flexible Arbeitszeiten und Home-Office können viele Unternehmen noch nachbessern. Maren Henniges vom Frauennetzwerk Hypatia fordert auch: „Endlich Gehälter offenlegen!“

Leider wird das neue „Entgelttransparenzgesetz“ erst bei Unternehmen ab 200 Beschäftigten Anwendung finden, was viele Firmen in der EE-Branche ausschließt. Auch ist es eine Hürde, eine individuelle Auskunft zu ihrem Gehalt vom Betriebsrat oder falls es diesen nicht gibt, vom Arbeitgeber einzufordern. Ein allgemein vorgeschriebenes Prüfverfahren könnte hier hilfreicher sein.

Energiewende bringt mehr Potential für Technik und Naturwissenschaft

Mehr Frauen in der Erneuerbare-Energien Branche und in Macht- und Entscheidungspositionen: Davon haben nicht nur die Frauen etwas. Auch Unternehmen können das gute Image der Energiewende nutzen, um technisch-naturwissenschaftlich interessierte Frauen und so Fachkräfte für sich zu gewinnen. Dieses Potential könnte viel mehr genutzt werden, durch Frauenförderung über Akademien oder das gezielte Anwerben von weiblichen Fachkräften. Dort werden gezielt Expertinnen für Erneuerbare Energien und auch der Austausch untereinander gefördert.

Kleine Erfolge gibt es auch schon zu verzeichnen: So führte ein Brief an die ZEIT im letzten Herbst, welcher das ausschließlich mit männlichen Sprechern besetzte Podium auf der ZEIT-Klimakonferenz beklagte, sogar dazu, dass Daniel Mittler von Greenpeace seinen Platz auf dem Podium für eine Frau, nämlich Sabrina Schulz von E3G, frei machte. Und berufliche Aufstiegsgeschichten wie die von Anita Deger können anderen Frauen im Netzwerk Mut machen: Sie begann als Bäckerei-Fachverkäuferin, war dann Filialleitung für einen Lebensmittel-Discounter und machte sich schließlich selbstständig mit der DEGERtechnik GmbH & CoKG, die Materialien für die Solarbranche herstellt.

 

Lesetipps:

Buch:  Energiewende – Der (etwas) andere Blick, Nicole Elert

www.hypatia-network.de

[1] https://www.zsw-bw.de/uploads/media/Studie_Beschaeftigung_durch_EE_2015.pdf

[2] https://www.pwc.de/de/energiewirtschaft/assets/studienergebnisse_frauen-in-der-energiewirtschaft.pdf

[3] http://www.zeit.de/kultur/2016-05/mansplaining-gender-sexismus-gleichberechtigung-linguistik

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