Gleichstellung

Mit der Geschlechterfrage beschäftige ich mich seit meinem 14. Lebensjahr. Sie bleibt für mich persönlich die prägendste Gerechtigkeitsfrage überhaupt. Eine Demokratie kann sich nicht damit zufrieden geben, dass über 50 Prozent der Bevölkerung qua Geburt (immer noch) benachteiligt sind.

Aber: Es muss auch klar sein, dass Männer und Frauen in dieser Frage zusammenarbeiten. Eine gerechtere Welt nutzt auch den Männern. Viele möchten nicht mehr in die alten Rollen gezwängt werden, sondern sich neu verwirklichen. Eine flexiblere Arbeitswelt ist gut für Alle, die nicht nur für die Arbeit leben, sondern sich auch mit ihren Kindern, älteren Menschen oder Ehrenämtern beschäftigen wollen.

Die Emanzipation der Frau ist rechtlich weitgehend abgeschlossen. In Artikel 3 GG heißt es ja: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin." (Der zweite Satz wurde allerdings erst 1994 eingefügt und deutet daraufhin, dass wir trotz der Verfassungsbestimmung stetig für unsere Rechte kämpfen müssen).

So gab es trotz GG bis in die 70ger Jahre die unsäglichen Vorschriften aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch wie z.b. dass der Mann der Frau die Berufstätigkeit verbieten kann sofern sie ihrem Haushalt nicht ordentlich nachkommen kann. Deren Abschaffung war überfällig, ist aber auch ein Erfolg für die Emanzipation. Weitere Meilensteine waren z.B. die Fristenlösung der Abtreibungsfrage, die zumindest im Ansatz die Selbstbestimmung der Frau respektiert. Vergewaltigung in der Ehe ist (erst!) seit 1997 strafbar. Noch relativ neue Verbesserungen stammen aus der rot-grünen Koalitionszeit, so das Gewaltschutzgesetz, das u.a. bestimmt, dass der Mann die gemeinsame Wohnung verlassen muss, wenn er seine Frau bedroht und nicht umgekehrt.

Dem Bundestag liegt derzeit ein Gesetzesantrag vor, um Zwangsheirat explizit zu einer Strafvorschrift zu erklären. Ein weiterer wichtiger Schritt war die Adaption der EU-Richtlinie zur Antidiskriminierung. Diese hat schon Wirkung gezeigt, so konnte bsp. eine GEMA-Mitarbeiterin, die offensichtlich nicht wegen ihres Geschlechts befördert wurde, Schadensersatz einklagen. Das Elterngeld geht in die richtige Richtung, allerdings möchten wir die Monate möglichst gleichmäßig aufteilen, d.h. Mann und Frau sollten jeweils 7 Monate pausieren.

Dennoch ist für mich die Emanzipation der Frau noch nicht verwirklicht. Dies macht sich aber auch viel an gesellschaftlichen Faktoren fest, die politisch nur schwer zu steuern sind.Die alltägliche Gewalt gegen Frauen, über die wir jeden Tag in den Zeitungen lesen können (siehe "Familiendrama" : Mann bringt aus Eifersucht seine Frau um oder die sich häufenden Ehrenmorde, zu deren Opfer Frauen aus Kulturkreisen mit stark patriarchalen Vorstellungen werden) macht mich wütend. Die Gewalt gegen Frauen äußert sich auch in ihrer Darstellung als Sexualobjekte in Zeitschriften und Filmen.

Aber auch im ganz normalen Alltag sind Frauen benachteiligt: Sie verdienen immer noch 23 % weniger als Männer, 2/3 dieser Gehaltsdifferenz sind nicht durch unterschiedliche Berufswahl zu erklären, d.h. Frauen verdienen in derselben Stellung weniger. Das schlägt sich natürlich auch in geringerer Rente etc. nieder. Allgemein üben Frauen schlechtbezahltere Berufe als Männer aus ("typische" Frauenberufe wurden früher als "Leichtlohngruppen" eingestuft, so dass eine Friseuse immer deutlich weniger verdient als ein Stahlarbeiter) (bzw. es ist eine Tendenz dahin zu sehen, dass Berufe in ihrer Reputation und ihrer Bezahlung verlieren, je mehr Frauen in der Berufssparte tätig sind, so bei LehrerInnen oder ÄrztInnen geschehen) , so dass sich bei der Frage (der sich Paare heutzutage leider noch manchmal stellen müssen) wer zu Hause bleibt, oftmals dafür entschieden wird, dass der besserverdienende Mann arbeiten geht. Natürlich wird auch die Pflege Älterer/Behinderter und das Aufziehen von Kindern ganz selbstverständlich immer noch als Frauenarbeit verstanden. Die entsprechenden Brüche im Lebenslauf führen zu einer geringeren Rente.

Alles in Allem ist für mich die Gleichstellung der Geschlechter noch nicht realisiert. Auch in unserer Außenpolitik wird (das wird aktuell im Fall von Nordafrika diskutiert) das Thema Menschenrechte allgemein und das der Frauenrechte im Besonderen nicht für so wahnsinnig wichtig gehalten. Es kann uns aber nicht egal sein, wenn Frauen in anderen Ländern teilweise die geringsten Rechte verwehrt werden.

Neben diesen tagesaktuellen Fragen interessiere ich mich allgemein für die Theorie des Feminismus, des Gender Mainstreaiming und der Queer Theory. Wie können wir die strengen Geschlechterkategorien auflockern? Was ist Geschlecht überhaupt? Es ist wichtig, dass wir uns in Frage stellen und nichts für gegeben hinnehmen.