Meine Meinung zu Alice Schwarzer

Es gab in den letzten Jahren eine erhitzte Debatte über die „neuen“ und die „alten“ Feministinnen: Wie wir aus erster Hand von den Ex-Mädchenmannschaft-Frauen Susanne Klingner und Barbara Streidel erfahren durften, war diese aber hauptsächlich eine Erfindung der Medien und wurde spätestens mit dem neuen Emma-Titel „Kein Bock auf Spaltung“, siehe: http://www.emma.de/ressorts/artikel/frauenbewegung/kein-bock-auf-spaltung/ beiseite gelegt.

Dennoch: Die feministische Bewegung ist kein Einheitsbrei. Gleichzeitig wird jede in diesem Feld Tätige früher oder später auf Alice Schwarzer stoßen. Für die meisten in der Bevölkerung ist sie einfach das bekannteste Gesicht der Bewegung. Ich würde mein Verhältnis zu ihr so beschreiben: Als Einstieg in den deutschen Feminismus, als Basis-Information sind Alice Schwarzer und ihre Zeitschrift Emma unverzichtbar. Die wichtigsten öffentlichkeitswirksamen Aktionen, das Buch „Der kleine Unterschied“ und die Stern-Aktion „Wir haben abgetrieben“, stammen von ihr. Es wird ihr außerdem oft vorgeworfen, sie würde seit dreißig Jahren dieselben Themen behandeln. Dazu kann ich nur sagen: Diese Themen sind wichtig und richtig und zudem ist es politisch erwiesen, dass Forderungen erst jahrzehntelang wiederholt werden müssen, bevor sie umgesetzt werden. Also: Die aktuelle weltweite Gefahr, die von einer islamistischen frauenfeindlichen Bewegung ausgeht, das Recht auf Abtreibung, die in weiten Teilen menschenverachtende Pornographie, die Diskussion um Prostitution – sind immer aktuell. Einige Reibungspunkte gibt es aber auch, für die ich exemplarisch aus Alice Schwarzers aktuellstem Buch „Die Antwort“ aus 2007 zitieren will.

Critical Whiteness

Meine feministische Sozialisierung habe ich hauptsächlich durch Alice Schwarzer erfahren. Aber mittlerweile ist eben einiges Neue an Forschung hinzugekommen. So hat die Gender-Forschung darauf hingewiesen, dass Menschen über nicht nur über ihre Geschlechtszugehörigkeit definiert werden, sondern dass auch Alter, sexuelle Orientierung und soziale Stellung der Person eine Rolle spielen, um nur einige Beispiele zu nennen. Das heißt: Rassismus und Sexismus sollten eigentlich auch nicht unbedingt separat gedacht werden. Auch innerhalb der feministischen Welt gibt es erhebliche Unterschiede zwischen dem Norden und Süden. Auch wir müssen uns mit „Critical Whiteness“ auseinandersetzen. Auch Gender Mainstreaming hat Schwarzer noch nicht richtig verstanden. Es geht ihrer Meinung nach darum, zu sehen ob „Männer bevorzugt bzw. Frauen benachteiligt“1 werden. Das war eben gerade nicht der neue Ansatz des GM. Es sollte darum gehen, den Bedürfnissen von Männern und Frauen gleichermaßen Rechnung zu tragen. Im Einzelfall könnte dies auch heißen, dass Männer in gewissen Bereichen bisher vernachlässigt werden, z.B. zu selten Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt besuchen. Natürlich läuft es in der Realität darauf hinaus, dass frau mehr Benachteiligungen von Frauen finden wird, da wir in einer patriarchalen Welt leben. Aber eigentlich sollte es darum gehen, die Bedürfnisse Aller ein bisschen zusammenzudenken.

Postideologie

Außerdem stößt mir der ständige Post-Ideologie Verweis von Alice Schwarzer sauer auf. Zumal wirkliches Distanzieren von Strömungen bedeuten würde, dass frau auch die konservative Seite nicht übermäßig in den Himmel hebt. In ihrem Buch betreibt sie aber eigentlich durchgängig Linken-Bashing und Verklärung konservativer Führungsfiguren wie Angela Merkel und Ursula von der Leyen. Exemplarisch möchte ich mit den Eingangssätzen des Buches beginnen:

Die deutsche Kanzlerin ist in den Golfstaaten zu Besuch. […] Da steht sie in ihrem festen Schuhwerk und dem schwarzen Anzug und reicht den Scheichs selbstbewußt die Hand – die diese, bei der von ihnen sonst praktizieren dogmatischen Auslegung de Islams, eigentlich gar nicht hätten ergreifen dürfen. […] Unweit der Staatschefin aus dem Westen steht mit aufmerksamen Blick [die Wirtschaftsministerin Lubna bint Khalid Als Quasimi], [sie] ist sichtlich euphorisiert von dieser Demonstration weiblicher Souveränität und hat ihr Kopftuch schon mal ein paar Zentimeter nach hinten gleiten lassen.“2

Natürlich ist es toll, dass wir eine Kanzlerin haben, hundert Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts. Aber dieser Absatz deutet für mich eher auf eine kritiklose Heldinnenverehrung hin. Und dass die Wirtschaftsministerin beim Blick auf Angela Merkel sofort euphorisch ihr Tuch ablegt, ist wohl eher Projektion. Auch hier wieder die Frage, ob die europäische Mittelschichtsfeministin ganz genau die Gedanken ihrer arabischen Schwester erraten kann.

Mag sein, dass die Linke der sechziger und siebziger Jahren mit Feminismus relativ wenig am Hut hatte. Deswegen war ja auch das Manifest: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen“3 nötig. Und: Auch und besonders als Grüne finde ich es schade, dass die CDU/CSU das Elterngeld verwirklicht und Rot-Grün es nicht geschafft hat, das Ehegattensplitting abzuschaffen. Dennoch halte ich es für fahrlässig, sich nur noch auf den Konservatismus zu verlassen. Männer, die sich noch nie für Frauenrechte interessiert haben, ergreifen plötzlich für MigrantInnen Partei. Hier ist Vorsicht geboten. Ein Blick in die Parteiprogramme und die Geschichte zeigt zweifellos für wen Gleichstellungsthemen ein Primat der Politik waren und für wen nicht.

Macht und Missbrauch

Leider ist so ziemlich keine Persönlichkeit, die längere Zeit im Rampenlicht steht und informelle und formelle Macht ausübt, davor gefeit, irgendwann den Realitätsbezug zu verlieren. Über Alice Schwarzer haben wir einige unangenehme Details aus der Biographie (Alice Schwarzer – Eine kritische Biographie, 1998) von Bascha Mika erfahren4: Scheinbar führt sie ein rigides Regime in der Emma. Abweichende Meinungen sind nicht so gefragt, möglicherweise auch ein Grund dafür, dass die Zeitung meist den gleichen Themen treu bleibt. Schließlich ist es auch kein Wunder, dass frau sich irgendwann als feministisches Zentrum sieht, wenn diese Rolle einem von den Medien immer so angetragen wurden. So schreibt Schwarzer über eine Äußerung von Iris Radisch über den Feminismus:

Aber „der Feminismus“? Ich weiß nicht, wer „der“ Feminismus ist, wo er seinen Geschäftssitz hat und was er so veröffentlicht, aber ich kann nur sagen, dass ich mir mit Antworten auf dieses Problem seit Jahren und Jahrzehnten den Mund fusselig rede […]“.5

Oder kann die Frauenbewegung einfach individuelle Stärke nicht ertragen? Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, müssen moralisch vielleicht zu hohen Ansprüchen genügen.

Was anderen bitter aufstieß, war ihre Kolumne in der Bild-Zeitung. Eine Kolumne direkt über der Nackten auf der ersten Seite? Auf der anderen Seite kann frau so ja viel mehr LeserInnen erreichen…

Es fehlt ein bisschen das Protegieren von NEUEN feministischen Persönlichkeiten, der Verweis auf Andere, die ähnliche Arbeit machen. Und die ihre Arbeit vielleicht noch etwas mainstream- und medienkritischer verstehen. Ein erster Anfang könnte das gemeinsame Interview von Mädchenmannschaft und Missy-Magazin mit Emma-RedakteurInnen sein

Fazit: Alice Schwarzer hat eine wahnsinnige Arbeit geleistet, bleibt unverzichtbar für den deutschen Feminismus, muss aber ergänzt werden und auch neuen Personen Platz lassen.

Ein Gedanke zu „Meine Meinung zu Alice Schwarzer

  1. Finde ich super, was Sie hier schreiben. Ja, Alice war Vorhut. Sie war unglaublich selbstbewusst und stark als junge Frau. Ihr Beruf war Berufung. Und ist es immer noch. Doch es wird Zeit, ihr Aufgaben abzunehmen, denn sie ist nicht unsterblich. Eine wichtige Aufgabe wäre jetzt, August 2017, die türkischstämmige Feministin Seyran Ateş zu unterstützen. Wie Sie sicherlich aus den Medien wissen, hat sie in Berlin eine liberale Moschee gegründet und wird von den Islamverbänden angefeindet. Sie steht unter Polizeischutz. Aber ihr Anliegen und ihr Mut brauchen eine große Öffentlichkeit!

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