Macht und Gender

„In Ägypten hatten die Frauen die 18 Tage der Proteste auf dem Tahir-Platz in Kairo wie eine Befreiung erlebt. Sie zelteten mit Männern, agitierten, kämpften. Seit dem Sturz Hosni Mubaraks sind sie allerdings von der politischen Bühne so gut wie verschwunden.“ (SZ, 19. April 2011)

„Damaskus/Sanaa – Sie sind schwarz gekleidet, tragen bunte Kopftücher und stehen dicht gedrängt auf den Straßen: Tausende Frauen in Syrien und im Jemen protestierten in den vergangenen Tagen gegen die Machthaber beider Länder.“ (spiegel online, 16. April 2011)

Was unterscheidet diese beiden Zitate? Im Revolutionskampf und während einer Widerstandsbewegung sind Frauen oft vorne mit dabei. Selbst auf Syrien und im Jemen, Länder in denen man wenige Frauen in der öffentlichen Sphäre sieht, trifft das zu. Geschichtlich kann man diese Phänomen über Jahrtausende zurückverfolgen. Ob es die Bewegung der Christen in Rom, der Weberaufstand, die Französische Revolution oder der Kampf für den Sozialismus war: Sobald die Verhältnisse einmal in Bewegung geraten, beteiligen sich Frauen. Obwohl sie in den meisten Fällen sonst wenig politisch in Erscheinung getreten sind oder in Erscheinung treten durften. Der Grund dafür ist, dass sie in den (noch) vorherrschenden patriarchalen Strukturen Unterprivilegierte sind. Mit anderen Worten: Ihre Position kann sich nur noch verbessern. Sie sehen für sich selbst die größten Chancen, endlich die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Männer nehmen diese Beteiligung in der Regel begeistert auf, da sie für ihren Umbruch weitere MitstreiterInnen brauchen.

Was passiert, aber nachdem ein neues System installiert wurde? Marilyn French betont das in ihrem in den achtziger Jahren erschienenen Buch „Jenseits der Macht“ fast schon zu oft: Frauen werden wieder an den Katzentisch verwiesen. Das Buch mag in vielem altfeministisch und traditionalistisch sein. In Bezug auf die aktuellen Verhältnisse in Nordafrika ist es aber auch wieder erschreckend aktuell. Sie schreibt, dass es Revolten „der Söhne gegenüber der Väter“ seien, die aber im Nachhinein ein neues patriarchales System im alten Gewand aufbauen. Wenn man das Wort patriarchal ein bisschen von den konkreten Männern löst und es als System definiert, das Macht zum obersten Ziel erhebt, stehen wir wieder von einem bekannten Problem, das Männern und Frauen das Leben vergällt: Macht korrumpiert. Wie viele Führer sind angetreten, um eine bessere Welt zu erschaffen, um später in krankhaftem diktatorischen Kontrollwahn zu enden.

Zwar wirkt der Kapitalismus als System besonders sinnentleert: Wir lassen uns von einer bunten Warenauswahl und einem umfassendes Unterhaltungsprogramm berieseln. Dabei müssen wir nicht über soziale Verhältnisse oder über unser Leben nachdenken. Konsum als Götze, ein viel kulturentleerteres Leben kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Andererseits sind die Gegenentwürfe, die wie üblich einen hohem Blutzoll forderten und nichts weniger als eine neue Utopie schaffen wollten, bisher auch relativ wenig überzeugend. Das bezeichnet French sinnigerweise damit, dass im Patriarchat der Tod einen höheren Stellenwert hat als das Leben. Noch heute werden Menschen ausgezeichnet, weil sie für „eine gerechte Sache“ möglichst viel getötet haben. Was soll das für eine Gesellschaft sein, die den Tod derart anbetet?

Auf einen Schlag ein neues, brillantes System mit geeigneten Menschen zu schaffen, davon kann man sich endgültig verabschieden. Wir können nur in kleinen Schritten vorangehen. Und diese Schritte können nur erfolgreich sein, wenn das Ur-Machtverhältnis, das zwischen den Geschlechtern ebenso zur Debatte steht, wie die Entmachtung der Väter.

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